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THE PICTURES CHANGED…

Not the principle. Die Bilder von Lewis W. Hine markieren Tatbestände aus der Zeit, in der er in den USA unterwegs war. Unter anderem im Auftrag des National Child Labor Committee. Hine’s Anliegen war, die desaströsen Zustände der Kinderarbeit in den Vereinigten Staaten von Amerika zu dokumentieren – und mit seinen Bildern Änderungen einzufordern. Denn der industrielle Aufstieg des Landes war auch damit erkauft worden, dass eine Unzahl von Kindern zu einfachen Arbeiten herangezogen worden waren –  ihrer Kindheit beraubt und asozial niedrigst entlohnt. Der so verbrämte American Dream, die Geschichte davon, dass jeder eine Chance auf dem Weg nach oben habe. In den Bildern aus den Zwanziger Jahren entlarvt er sich als ruchloses Mantra jener, die für sich nie genug haben konnten und den Einsatz jener ausbeuteten, die auf das Wenige zum Überleben angewiesen waren, das für sie übrig blieb. Nach einer Volkszählung in den USA aus dem Jahr 1900 gab es zu dieser Zeit mehr als 1,7 Millionen Kinderarbeiter im Land. Aus denen sollten später Bürger werden, die Verantwortung tragen sollten? Ausgezehrt, ungebildet, demoralisiert und desillusioniert und zu nichts Anderem mehr fähig als das weiter zu tun, wozu man sie von Anfang an verurteilt hatte. Hine kannte diese dunkle Seite. Er musste sich nach dem frühen Tod seines Vaters allein durchs Leben schlagen. Mit eben solchen Jobs- vier Dollar die Woche, dreizehn Stunden Arbeit jeden Tag. Er traf auf Menschen, die Änderung einforderten und ihn motivierten. Der Staat müsse etwas gegen die massenhafte Verelendung tun. Hine folgte dem Rat seiner Förderer, wurde Lehrer an der Ethical Culture School in New York. Frank Manny, damals Professor für Pädagogik, motivierte ihn, sich mit einem neuen Medium der Pädagogik zu beschäftigen- der Fotografie. Seinen Schülern sagte er beharrlich, dass dieses damals noch neuere Medium das Mittel zur Dokumentation, zur Emotionalisierung und zur Mobilisierung sei. Mit Bildern lasse sich Politik machen. Aus dem Lehrer war ein Dokumentator geworden. Es ist paradox. Zu seinen Lebzeiten war Hine Vorreiter des modernen Fotojournalismus. Als Künstler wurde ihm jede Anerkennung verwehrt. Er starb völlig verarmt. Vintage Prints werden heute dagegen zu Höchstpreisen gehandelt. Das Prinzip aber hat sich nicht geändert. Nur die Orte, an denen Kinderarbeit auch heute noch zu dokumentieren ist.

Lewis W. Hine. America at Work Lewis W. Hine, Peter Walther / Hardcover, 14 x 19,5 cm / 544 Seiten / € 15 / ISBN 978-3-8365-7234-7 (Deutsch, Englisch, Französisch)

Der Fotograf: Der amerikanische Fotograf und Soziologe Lewis W. Hine (1874-1940) wurde in Chicago und New York zum Pädagogen ausgebildet, bevor er 1912 sein Fotostudio gründete. Er setzte als einer der ersten die Kamera als Werkzeug für soziale Reformen ein und arbeitete als Fotograf für das National Child Labor Committee, das Rote Kreuz und das National Research Project der Works Progress Administration. Seine Fotografien waren maßgeblich an der Änderung der Kinderarbeitsgesetze in den Vereinigten Staaten beteiligt.

Der Autor: Peter Walther hat verschiedene Publikationen zu literatur-, fotografie- und zeitgeschichtlichen Themen herausgegeben. Dazu gehören Bücher über Goethe, Fontane, Thomas Mann, Hans Fallada, über Schriftsteller im Ersten Weltkrieg sowie verschiedene Bildbände mit historischen Farbaufnahmen. Er hat außerdem als Kurator diverser Ausstellungen gewirkt. Sein spezielles Interesse gilt den frühen Verfahren der Farbfotografie.

Über die Buch-Reihe: Bibliotheca Universalis – die ganze Vielfalt der Welt im TASCHEN-Format. Kompakt, smart und unschlagbar günstig. Seit 1980 ist TASCHEN ein Synonym für erschwingliche, hochwertige und mitunter tollkühne Publikationen. Aus über 100 der Lieblingstitel des Verlags nun diese Reihe in neuem kompakten Format zum Aufbau einer Bibliothek zu Kunst und Kultur.

Die Bilder wurden vom TASCHEN VERLAG zur Verfügung gestellt.